Zum Abschluss zwölf Tage Seattle. Weil Verwandtschaft hier wohnt, das Leben also günstig ist. Für mich. In dieser Stadt lässt es sich sehr gut leben, wenn man genügend Geld hat. Alles ist ähnlich teuer wie in San Francisco, dafür ist das Wetter normalerweise schlechter, sie liegt halt viel weiter nördlich. Aber ebenfalls am Wasser, sich einen Meeresarm in Form eines recht flach gedrückten T’s mit Vancouver teilend. Echte See oder nur dessen Arm, egal, jedenfalls riecht es nach Meer. Es sei denn, man befindet sich in gewissen Gegenden von Downtown, dort riecht es nach Pisse.

Seattle ist ein wenig wie der Pullover von K. Cobain, der im hiesigen Pop-Museum hängt; es riecht, es ist ein wenig langweilig, es ist mit einem Wort: oll.

Ein weit verbreiteter Irrtum besagt, dass dem Wort „oll“ eine gewisse Abwertung innewohnt. Eher das Gegenteil ist der Fall: Oll bedeutet, man kennt sich schon lange, der Lack ist ab, die Person (oder der Gegenstand) hat seine Macken und Schrammen, die als Zeichen der Zeit einfach dazugehören. An denen gemeinsame Erinnerungen hängen, die den Gegenstand (oder die Person) noch wertvoller machen. Erinnerungen, in denen man schwelgen kann („Weißt du noch, wie der Hund damals aufs Sofa gekotzt hat?“). In „oll“ schwingt so viel Liebe mit, dass es fast schon widerwärtig ist.

Und egal, wie sehr Seattle seine ollness auch mit vielen neuen Wolkenkratzern in Downtown zu überschminken versucht, es klappt nicht. Es gibt komische Ecken, es gibt viele altbackene Häuser und Straßen, alles ist ein wenig langweilig.

Außer den Attraktionen, versteht sich. Die Space Needle, ein futuristischer Turm mit toller Aussicht und gläsernem Boden, der sich dreht. Das oben bereits erwähnte Pop Museum ist gewiss toll, das mir mit 35 Dollar oder so zu teuer war; ich fand ja schon das Punk Rock Museum in Las Vegas langweilig. Super auch Pike Place Market, ein Indoor-Markt über mehrere Etagen, mit vielen schönen Geschäften mit allem, was das Touristenherz begehrt, untergebracht in historischem Gebäude am Hang. Am Fischstand werfen sich die Fischverkäufer die Fische zu, und alle Umstehen applaudieren, fotografieren und filmen. Das mag man provinziell finden, aber immerhin ist dann gleich um die Ecke eine Gasse, in der man seine gekauten Kaugummis an die Wand kleben darf, was schon deutlich großstädtischer ist. Und diese Stadt hat eine Monorail. Die noch zudem sehr günstig ist. Sie fährt allerdings auch nur eine Station weit.

Alles in allem genau die Stadt, in der sich ein Kölner wohl fühlt, wenn ihm das Heimatkaff mal zu hektisch wird.

Und er mehr Gegend will.

Es ließe sich an dieser Stelle noch einiges über das Umland schreiben. Über die Berge, die stets im Hintergrund sichtbar sind. Die Fähren, mit denen man fahren kann. Die wunderbare Gegend. Die Weite. Aber dann würde es schwierig, sich demnächst zum Heimflug zu überwinden.

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