Ich will gar nicht so genau wissen, was hinter der gerade an der Ecke entrüstet geäußerten Frage „Kann man sich denn nicht wenigstens die Jogginghose runterziehen?“ steckt.

Sonntagmorgen, neun Uhr in Mülheim am Rhein. Mein Plan, im Frühtau die Quere über den örtlichen Fluss zu Fuß zu machen, scheitert an der brutalen Staatsgewalt. Ich könne nicht hier langgehen, jemand habe ein Transparent an die Brücke gehängt, und man sei noch damit beschäftigt, die Schmähschrift zu entfernen. Aber mit der Bahn auf die andere Seite fahren, das könne ich.

Grummelnd verziehe ich mich in Richtung Haltestelle und weiß nicht so recht, wie sehr und ob ich die Hänger verfluchen soll. Kommt ja drauf an, wer es war. Waren es Kapitalismusgegner oder ähnliches Gesocks, so haben sie selbstredend alle meine Sympathien und ich nehme die Unannehmlichkeiten gerne in Kauf, wenn es denn der Revolution dient. Waren es diese rechtsidentitären Spinner oder irgendwelche Aluhüte, so verklage ich sie hiermit auf Entschädigung wegen Verkürzung meiner Lebenszeit, da ich die ungesunde Bahn nehmen musste, statt ein halbes Stündchen Knochen, Muskeln und Schwarte zu bewegen.

Auf der Treppe runter zum Bahnsteig dann alles voller Alufolie, diesmal nicht in Form von Hüten, sondern als Raucherhilfe. Direkt mehrere Menschen in-H-lieren, was das Zeugs hält; hoffen wir mal, dass das Zeugs auch hält, was es bzw. der Dealer verspricht.

Wieder daheim.

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Ich wünschte, ich hätte einen Safe!-Button für Fälle wie den jetzigen, wenn ich tagelang keine Morgenplatte poste, es mir aber dennoch gut geht. So produziert die Situation Unschönes. Besorgte Menschen. Besorgte Nachfragen. Beziehungsweise eigentlich nur das Ausbleiben derselben. Danke für nichts, elendes Parasiten-Pack vor den Bildschirmen!

Der Grund für die Ödnis in der Timeline war der eklatante Mangel an geeigneten Plattensammlungen an dem Ort, wo ich die letzte Woche über hauste. Gut, die gibt es, die sind in Teilen auch gar nicht so übel, aber Smartphone + Bluetooth-Krachmacherding sind dann doch leichter zur Hand und vor allem möchte man sich ja nicht jeden Morgen mit 60ies und/oder Tina Turner beschallen. Für irgendwas müssen die dreißigtausend MP3s auf der Speicherkarte ja gut sein. Allein, die Bebilderung der MP3-Dateien wäre nichts, das meinen Ansprüchen genügte.

Ihr kennt mich: lieber Ödnis, als etwas Halbgares. Deswegen wird ja auch nix aus meinem Leben.

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Wenn zufällig Glotze und Olympische Spiele zur Hand sind, ergibt sich daraus die Verpflichtung, diese nahezu einmalige Kombination zu nutzen, weswegen der Weitgucker läuft und Hintergrundbilder und -geräusche liefert. Da ist es auch egal, dass mich das Gesporte nicht weiter interessiert, denn es gibt ja nichts alberneres als Menschen, die Tag für Tag und Jahr für Jahr darauf hinarbeiten, den „größten Moment im Leben eines Sportlers, das Abspielen der Hymne bei der Siegerehrung“ (so der Kommentator im TV) zu erleben.

Und dann steht da eine Siegerin auf dem Treppchen, die tatsächlich auch noch mitsingt und dabei eine FFP2-Maske trägt. Kann man sich ja nicht ausdenken, sowas. Aber was soll man schon von Menschen erwarten, die Tag für Tag und Jahr für Jahr auf so ein patriotisches Übermenschen-Ereignis hinarbeiten? Die haben einfach zu viel Freizeit.

Lieber Fernseher aus und raus ins pralle Leben. Vorbei an dem Haus, wo damals der Kaugummiautomat hing, der eines Tages durchdrehte. Oder, genauer, sich durchdrehen ließ, so dass wir ihn auf dem Schulweg komplett leeren konnten.

Gut, auch nicht so spannend, und man muss wohl dabei gewesen sein, um dieses Ereignis zu würdigen. Aber auch daheim, irgendwie.

Und ach, eigentlich kann Turners Tina ja auch recht schmissig sein.

Es ist traurig anzusehen, wie die Stoffmasken da liegen. Bunte, farbenfrohe Stofffetzen, wie sie uns bis vor einigen Monaten die Pandemie verschönerten. Bekleidung, mit der sich mehr als nur ein Statement ausdrücken ließ. Und nun habe ich sie, nachdem sie monatelang an Nägeln herumhingen als wären sie Jesus, gewaschen und weiß nicht, warum.

Gut, weiß ich schon: In der Waschmaschine war noch Platz. Aber was nun tun damit? Verdrängt von medizinischem Gerät, haben sie keine Funktion und somit auch keine Existenzberechtigung mehr.

Ich könnte sie wegpacken, oder vielleicht stopfe ich sie in den Altkleidersammelcontainer. Irgendein Drittweltler wird sie schon nutzen können, und sei es bei der Wertstoffsuche auf einer Müllkippe aus Erstweltschrott irgendwo. Ein Gedanke, der mein Herz erwärmt, bei all‘ der Wehmut, die es gerade umweht.

Der Appetit auf Kuchen zur Feier des Tages treibt mich in die Sturzfluten, die vom Himmel fallen. Eine Sintfonie aus Wasser. Dabei ist das wohl noch nicht einmal der Starkregen, der für nachmittags angekündigt ist. Erst bin ich nass, dann nasser, um schlussendlich am nassesten zu sein, als ich nach der Rückkehr erst mal dusche, solange die Kanalisation noch Wasser aufnimmt.

Als draußen gegen 21.30 Uhr zwar noch alles nass ist, aber wenigstens keine Feuchtigkeit mehr von oben nachfällt, noch ein kleiner Spaziergang durchs Veedel und dabei ein Eis essen. Denn auch, wenn die Sonne hinter dunklen Wolken verborgen ist und ihr gerade vermutlich ein anderer Teil unseres Planeten zugedreht ist, so ist doch Sommer, und den gilt es zu genießen. Den lässt man sich nicht vom Wetter verwässern.

Wieder daheim, sind die Vorbereitungen für richtig Sommer dann auch endlich bald beendet. Auf in die Sonne, nächster Halt Los Santos International Airport.

Kölner Anti Spray Aktion (KASA) säubert den Beton der Zubringerautobahn, damit uns Kölle schön bleibt.

Unserer kleinen zweiköpfigen Reisegruppe wurde „ausufernder Urlaub“ vorgeworfen, festgemacht an der Dauer der Reise. Typisch für die heutige Zeit, in der alles gemessen wird und in der in Excel-Tabellen gedacht wird.

Die zeitliche Dauer eines Urlaubs hat nichts damit zu tun, ob er zu lang ist. Ein Urlaub ist genau dann lang genug, wenn man sich gegen Ende denkt, dass es doch auch ganz schön wäre, wieder daheim zu sein. Daran, und nur daran misst sich, ob der Urlaub lang genug ist; er ufert erst aus, wenn man *lieber* wieder daheim wäre.

Der Urlaub ist also keinesfalls ausgeufert, zumal eine Rückkehr einige Tage früher viel Geld für PCR-Tests gekostet hätte, die die Woche drauf nicht mehr nötig waren. So ging das Geld an einen Campingplatz, und war dort auch wesentlich besser angelegt.

Und nun bin ich seit einigen Tagen zurück im Problemviertel meiner Wahl, das Klingen von Alkohol im Ohr und den Duft verdunstenden Urins in der Nase. Am ersten Morgen direkt ein Diensttelefonat mit dem Finanzamt, das die alte Weisheit bestätigt, dass die Rädchen im System in ihren Regeln recht umgänglich sind, wenn man sie behandelt, als wären sie Menschen.

Trends sind dazu da, sie mitzumachen, und ich fand die vielen selbstgefälligen „Ich habe Impfe“-Postings in diesem Netzwerk so richtig sympathisch. „Hey, ich hab mich abspritzen lassen und darf bald wieder Dinge, die ihr Idioten noch lange nicht dürft.“ Oft von denjenigen, die seit Beginn der Covidiotie Solidarität hier und dort und überhaupt einfordern, und jetzt plötzlich alle unglaublich krank sind oder irgendeine Tante von einem Schwippschwager in Hinterpusemuckel ausfindig gemacht haben, um die sie sich dringend kümmern müssen, damit sie ganz solidarisch in der Impfreihenfolge aufrücken.

Da will unsereins natürlich auch dabei sein, und da zufällig im Problemveedel meiner Wohnsitzwahl – Mülheim am Rhein – gerade asiviertelsondergeimpft wurde, nahm ich am Samstagmorgen meinen Ausweis, mein Impfheftchen und mir eine halbe Stunde Zeit und habe seitdem J&J intus. So einfach kann es sein. Was meine Herangehensweise, sich um nix zu kümmern, mal wieder grandios bestätigt, wenn ich bedenke, welche Verrenkungen andere hingelegt haben, nur um an Stoff zu kommen.

Das meiste super also auch nach Heimkehr, nur das Morgenschwimmen im Mittelmeer fehlt ein wenig. Und die Mittagsplantscherei. Und natürlich das Baden am späten Nachmittag. Und das Schlafen im Zelt. Und die istrische Landschaft. Und die süüüüßen Delphine, die vor selbiger rumschwammen.

Urlaub in der Pandemie ist phantastisch, vor allem ist es schön leer, weil die ganzen Feiglinge zuhause bleiben. Da erkennt man, wem Urlaub wirklich etwas bedeutet, und wer nur Pseudourlauber ist. Bleibt doch einfach daheim, meinen Segen habt Ihr.

Das Geheimnis einer guten Urlaubskolumne ist ja, sie an Regentagen zu verfassen. Am Strand liegen will man nicht, baden gehen auch nicht – dabei wird man nur nassgeregnet – und das Schwelgen darin, wie schön es doch an den sonnigen Tagen war, hebt die Laune. Und nun rate man, wie das Wetter heute ist.

Richtig: eher durchwachsen.

In den Morgenstunden zogen Gewitter übers neue Zelt, das in diesen Stunden bewiesen hat, nicht lediglich ein Schönwetterzelt zu sein. Nun ist auch klar, warum die slowenischen Langzeitcamper weiter oben sich gestern Schotter liefern ließen und ihn auch gleich zu einer Art Terrasse ums Vorzelt rum verteilt haben. Auch die Eigenart, Wassergräblein rund ums Zelt zu ziehen, erscheint in einem ganz anderen, sinnvolleren Licht. Heute ist definitiv ein Tag, an dem man die Campingstühle reinräumen sollte, wenn man spazieren geht und in Erinnerungen schwelgt:

Die ganzheitliche junge Dame auf der Nachbarparzelle sitzt vor ihrem Tablet und sagt laut und vernehmlich „Nein“. Mehrmals. Mit Nachdruck. Ich überlege, ob sie vielleicht gerade an einem Onlineseminar zum Thema „Nein sagen lernen, Grenzen setzen“ teilnimmt – zuzutrauen wäre es ihr wohl – oder ob sie im Telefondialogsystem eines Call-Centers unterwegs ist.

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An der anderen Seite der Bucht schiebt jemand schwimmende Wasserrutschen ins Wasser, schubst sie an ihren Platz für die Nacht und vertäut sie. Er zupft hier, er zupft da, schubst noch mal nach, wuselt mit seinem Wasserscooter herum und erinnert dabei an einen Schäferhund, der seine Herde zusammenhält.

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Einen sehnsuchtsvollen Blick wirft der junge Vater auf den VW-Bus des jungen Pärchens – das Gefährt ist alt, ausgebaut, höher gelegt, wildnistauglich – auf dem Nachbarplatz, bevor er zurück zu seinem Modell schleicht, wo Kleinkind und Frau schon auf ihn warten. Vor dem eigenen VW-Bus, auch alt, auch ausgebaut, aber nicht höher gelegt und wohl auch nicht wildnistauglich.