Beim Spritzesetzen bekam ich Komplimente.
„Das ist aber ein schickes T-Shirt. Was steht da? Großtrappe? Und was da oben?“ — “ HAMMERHEAD. Das ist eine Band.“ — „Und was machen die so für Musik?“ — „Punk.“ — „So hätte ich Sie auch eingeschätzt.“ — „Weil ich so aggressiv und wild rüberkomme?“ — „Nein, überhaupt nicht. Deswegen passt das ja.“
Geimpft bin ich jetzt jedenfalls.

0 Uhr 45: Die saufenden Raucher vorm Fenster sind endlich weg, ich kann lüften. Die Dame, die aller Welt sehr ausdauernd und laut mitteilen musste, dass eine Bekannte von ihr immer Mini-Tampons kauft, weil sie eine „ganz kleine Muschi“ hat, ist dankenswerterweise bereits vor etwa einer Viertelstunde von dannen gewankt. Was mache ich denn jetzt mit dem angebrochenen Abend?

So’n bisschen Kühlschrank tut doch keinem Menschen weh.

So’n bisschen Kühlschrank tut doch keinem Menschen weh.

Wir saßen in der WG zweier junger Herren. Genau der WG, in der sich immer alle trafen, gerade die, die mit irgendwelchen Lebensabschnittgefährtinnen zusammenlebten, die WG, deren Mülleimer vor plattgedrückten Bierdosen überquoll. Ein dritter Herr hatte, wie öfters, auf dem Sofa genächtigt und den beiden WG-Bewohnern das Versprechen abgerungen, nachmittags einen Kühlschrank abzuholen. Mit der Straßenbahn. Und nun saßen da drei junge Herren, noch gezeichnet vom Vortag, und keiner hatte Lust, die Aktion in Angriff zu nehmen.
„Eigentlich reichen da doch zwei. Zu dritt wird das nur umständlich und man steht sich im Weg. Ist ja keine Kühlgefrierkombi, sondern nur ein einfacher Kühlschrank.“
„Brauchst du überhaupt einen Kühlschrank in der neuen Wohnung?“
„Mit der Straßenbahn, das ist doch Wahnsinn. Vor allem müssen wir den ja erst zur Bahn hin und dann noch von der Bahn in die Wohnung schleppen.“
„Gebraucht und für 10 Mark, das kann ja eigentlich nichts sein. Da wäre ich vorsichtig. Kauf dir lieber was vernünftiges und lass‘ es dir liefern.“
Die Argumente, sie waren gut. Aber nicht gut genug für den dritten Herrn. Wenigstens handelte man ihn auf einen Helfer runter, so dass zumindest einer der Herren sich drücken konnte.

Eine Türklingel, die gedrückt wird, ein Summer, der daraufhin geht.
„Hier ist es. Ich weiß aber nicht, in welchem Stock. In irgendsoeiner WG, hat er gesagt.“
Zwei Herren stiefeln die Altbaustufen hinauf, bis sie an eine offene Wohnungstür gelangen. Durch den Türrahmen ist der Blick auf einen Flur zu sehen, auf dessen Wand jemand „Ficken!“ gesprüht hat.
„Hier muss es sein. Hallo?“ Die beiden Herren betreten den Flur, der sich windet und erstreckt. Stimmen hinter einer Biegung. Eine Handvoll junger Menschen steht da, die Überreste einer Party.
„Tschuldigung, wir sind wegen des Kühlschranks hier.“
Die Partyreste drehen sich um, einer von ihnen öffnet den Mund: „Oh, sorry Jungs. Den haben meine Kumpels kaputtgekloppt, als ich eine Viertelstunde mal nicht da war. Wir hatten Abrissparty, und sie wussten nicht, dass ich den noch verkaufen wollte.“
Die beiden Herren schauen sich an.
„Habt ihr noch ein Bier?“ fragt der eine.
„Hier,“ sagt der andere und zieht eine Dose Pils aus seiner Jackentasche.

Nach einem kurzen Gespräch über Vermieter, die schöne große Altbauwohnungen hochsanieren, nur um richtig dick Geld zu verdienen und einer kurzen Begehung des Objekts („Schaut euch ruhig um!“) verließen die beiden Herren das Schlachtfeld, froh, dem Weißgerätetransport entgangen zu sein. Zumindest in Teilen.

Gestern Abend auf dem Bürgersteig vorm Sonic Ballroom. Ich stehe mit jemandem zusammen vor dem Eingang zum Biergarten, in eine angeregte Unterhaltung über schlechte Witze und Insterburg&Co vertieft. Zwei junge Männer von, wie man so schön sagt, südländischem Aussehen kommen des Weges, mit gewiss gefährlichem Hund an der Leine. Beide mutmaßliche Fitnessstudiobesucher, stolzieren sie vorbei. Einer der beiden fixiert meinen Gesprächspartner und sagt, mit Unterton: „Hallo!“
Die beiden gehen weiter, und das Gespräch dreht sich ab nun darum, dass diese jungen Männer offensichtlich ihr Revier abstecken wollten, man jetzt ein schlechtes Gefühl habe deswegen, und meine leisen Einwände, dass mein Gesprächspartner sich vielleicht einfach zu viele Gedanken mache, werden nicht angenommen.
Eine halbe Stunde später. Wir haben uns mittlerweile zum Kiosk vorgekämpft, weil Getränke benachschubt werden müssen. Und da ist er wieder, der unmögliche Mann mit den Macho-Allüren: Er steht hinterm Tresen und verkauft Getränke. Vielleicht sollte man sich öfters einfach mal weniger Gedanken machen.

Zum Tode von Dr. Helmut Kohl, Kanzler der Einheit

Samstag, 7:45 Uhr. Morgens. Ich tanze, hüpfe springe durch die Straßen, einen Suppentopf (Kaufland, 13 Euro) in meiner Hand. Ein paar scheue Sonnenstrahlen lugen hinter den Wolken hervor, bevor der Himmel sich verschließt. Die Welt ist schön, das Leben gut, und alles so leicht, so leicht, so leicht. Gestern verstarb Doktor Helmut Kohl, Kanzler der Einheit und Möchtegern-Friedensnobelpreisträger. Die sprichwörtlichen bleiernen Kohl-Jahre, sie sind endlich vorbei. Ich fühle mich leicht, befreit, beschwingt, und frage mich, ob das wirklich daran liegt, dass der Oger von Oggersheim das Zeitliche gesegnet hat, oder ob es vielleicht an „Heartbreaks and Milkshakes“, der aktuellen Platte der The Sewer Rats, liegt, die ich mir am Tage von Kohls Dahinscheiden gekauft habe und die gerade meine Ohren beschallt. Bombenlaune in Tonträger gebrannt, Powerpop mit Rock’n’Roll-Grundierung, mal schneller, mal langsamer, das Label (Rookie Records) ruft laut „Queers“ in den Raum, mitunter klingen da die Turbo ACs durch, und irgendwann überkommt mich das Gefühl: Verdammt, die klingen nach, nach, nach… Psychotic Youth! Vor allem die poppigeren Stücke. Kenner der Materie wissen, dass es kein größeres Lob gibt.
Wie das schon losgeht mit „PCH 101“, einer der schnelleren Nummern, wie das schon weitergeht mit „Danny has a date“, um dann mit „I don’t like you (when your girl’s around)“ direkt weiterzugehen um erst nach guten 30 Minuten, 12 Songs, zu enden. (Oder auch nicht; schlaue Menschen nutzen die Repeat-Funktion.) Zum Durchdiegegendspringen, zum Gutgelauntallesabreißen und vor allem ein großer Trost, jetzt, wo Dr. Helmut Kohl, Kanzler der Einheit und Großer Europäer, von uns gegangen ist. Schön, dass es doch noch einen Grund gibt, weiterzuleben. Direkt nochmal hören. Laut.

Am Markt stand eben ein uralter Lastwagen mit Pappfiguren von Marx und Engels drauf, aus Megafonen plärrten russische Revolutionsmärsche durch den Nieselregen und ein freundlicher Herr drückte mir ein großes Flugblatt mit klassischer Revolutions-Ikonographie in die Hand, welches die Proletarier aller Länder dazu aufforderte, sich zu vereinigen, und die Herrschenden, sich in Acht zu nehmen. (Warum überhaupt? Es ist doch viel besser, wenn man die völlig unvorbereitet trifft.) Man lerne nämlich aus seinen Niederlagen.
Die ebenfalls anwesende Polizei saß derweil in der Bäckerei, frühstückte und warf ab und an einen Blick auf die etwa dreiköpfige, flugblattverteilende revolutionäre Masse.

now playing: Depeche Mode – Where’s the revolution