Bahnhof Friedrichstraße, mein Zug fährt ein, ich steig aus, gut wieder da zu sein. In Berlin-Mitte, dem schönsten Ort der Welt. Teure Geschäfte mit teuren Dingen, einem nur leicht ranzigen Rewe mit Rolltreppe, schrecklichen Menschen, hinterm Brandenburger Tor dann links, ab zur Staatsoper Unter den Linden. Hier gibt man heute umsonst und draußen den „Don Carlo“ von Verdi*.

Oder genauer: Man gibt ihn für Geld und drinnen und überträgt ihn auf eine Großbildleinwand nach draußen, wo man an der abgesperrten Straße sitzt, wahlweise auf dem Boden oder mitgebrachten Sitzgelegenheiten wie Tüchern und Klappstühlen, und die Italienermelodien hört. Mehr als drei Stunden lang.

Schon bald stellt sich die Geschichte als geschmackloser Porno raus. Erst ist da so eine Stepmother/Stepson-“Liebes“geschichte im Gespräch, dann singt eine Darstellerin was von Schleiern und Liebe, während eine andere Frau ihre Füße begrapscht – also nichts, was man auf den einschlägigen Internetseiten nicht genau so gut, vor allem kürzer und mit weniger Musik sehen könnte.

Und die Musik ist, man muss es mal so drastisch formulieren: echt nicht schön. Dazu Menschen, die mit ihren Stimmen Dinge tun wie sonst nur Metal-Gitarristen mit ihren Instrumenten. Beides gehört verboten. Ich wünschte, ich wäre in die Operette gegangen.

Halbe Stunde, der erste Akt läuft noch, und es reicht. Ab nach irgendwo an der Spree zum Rumsitzen.

Rumsitzen tut man später auch in der Nähe des Reichstags, wo nach Einbruch der Dunkelheit eine Großbildprojektion auf die Wand geworfen wird, die die bewegte Geschichte des Gebäudes und die es umgebende Geschichte thematisiert. Streckenweise informativ (falls man am Geschichtsunterricht nicht teilgenommen hat), aber größtenteils natürlich Demokratie-Propaganda, aber meinetwegen. Wenn es mir hier nicht passt, kann ich ja nach Kreuzberg fahren.

Zu den Bildern des Mauerfalls ertönt dann „Bis zum Bitteren Ende“ oder ein anderer Song der Toten Hosen. Es ist eher unerträglich, ich wünschte, ich wäre jetzt in irgendeiner prima Diktatur, bis mir einfällt, dass man dort zu noch mehr Pathos neigt.

Später im S-Bahn-Zug nach Pankow mischen sich dann Freunde der Klappstuhl-Oper und Menschen, die an diesem Tage den Tiergarten beravt haben. Irgendsoein Loveparade- / Technogedöns, angeblich war Doktor Motte auch da. Da kocht die Tanzfläche, da traf sich die Scene. So was gibt es nur in Berlin.

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* Den Don Carlo vom Komponisten Verdi, nicht den von der gleichnamigen Gewerkschaft.

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