Costa del Scholz III

Trommeln, Trommeln aus der Tiefe. Ich kam mir vor wie Balin einst in Moria. Schläge stiegen empor, bis hinauf in den vierten Stock. Da ich nicht erwartete, auf gruselige Orkhorden zu schauen, wagte ich einen Blick aus dem Fenster und sah eine größtenteils weibliche Trommelgruppe, gewandet in lila Leibchen. Die Anführerin trug ein Megaphon mit sich und Parolen vor, in denen es vermutlich um den gerade stattfindenden Weltfrauentag ging; jedenfalls war viel von mujeres die Rede. Und die örtliche Paradestraße entsprechend voll.

Das war mal was anderes. Nicht, dass getrommelt wurde, das tun sie hier gerne und oft. Zum Beispiel beim carnaval. Oder auch, wenn sie mal wieder in einer Prozession Heiligenstatuen durch weihrauchvernebelte Gassen tragen, so wie wenige Tage zuvor. Oder, wenn sie sich im parque zwischen den Palmen treffen, um für eines dieser Ereignisse zu üben. Aber dass mal aus anderen als folkloristischen Gründen getrommelt wurde, war auch mal schön. Wäre es nicht ausgerechnet vor meinem Appartement gewesen.

Die Tage darauf dann weiter auf Weltreise, etwa zwanzig Kilometer gen Westen. Torremuelle heißt der Ort und besteht aus geschmackvoll zugebauten Berglein am Meer. Keine großen Hotelbauten – okay, einen gibt es natürlich, quasi als Statussymbol –, sondern urbanizaciónes, in Deutschland würde man sagen: gehobene Vorstadt, Speckgürtel. Nur dass hier im Serranoschinkengürtel alle einen Pool haben und ein bis zwei Einliegerwohnungen, die sie an Urlauber vermieten.

Beschaut man das Wahrzeichen des Ortes, einen eher alten aber hässlichen Turm, merkt man wieder mal, wie einfach das Spanische doch ist. „Torre“ heißt bekanntlich „Turm“ und „muelle“ offensichtlich „Müll“. Dafür gibt es ein paar Felslein zum Draufhocken und einen reichhaltigen Supermarkt. Und Busse und Bahnen, mit denen man den Ort verlassen kann.

Frei nach der alten Weisheit „bewohne stets das hässlichste Hochhaus im Ort, dann musst Du es nicht ständig sehen“ (Konfuzius zugeschrieben), sitzt unsereins gerade fünf Kilometer weiter auf seiner nächsten Station im zehnten Stock mit phantastischem Meerblick, von dem gerade nicht viel zu sehen ist, weil Afrika in der Luft liegt.

Es riecht nach Sand und es verwundert nur wenig, dass die Afrikaner alle nach Europa rübermachen, wenn ihnen die halbe Sahara wegfliegt. Wie heißt es doch so schön? „Eine Hand voll Heimaterde nahm ich mit ins fremde Land.“

Und während ich versuche, die Regenjacke vom Wüstenschlamm zu reinigen, trommelt es ans Fenster des Wintergartens, in dem ich sitze. Diesmal aus der Höhe, nicht aus der Tiefe.

Costa del Scholz II

Mit dem Karneval ist es wie mit dem Fußball. Wer sich als Kind nicht dafür begeistert, ist seltsam, wer es als Erwachsener noch tut, hat keinen Verstand. Man schaue sich das Treiben doch nur einmal an: Seltsam Gekleidete benehmen sich befremdlich, hampeln herum und brüllen sinnloses Zeugs durch die Gegend. Und vom Karneval habe ich da noch gar nicht geredet.

Unsereins schüttelt da nur milde das weise Haupt und gönnt. Den Leuten ihr Feiern, selbst wenn es sich dabei um eine Art Zwangsjecke handelt. Sollen sie doch. Einundzwanzig war ein Jahr, in dem ich meine Ruhe hatte, jetzt wird halt wieder jefiert.

Am Aschermittwoch ist alles vorbei, denkt sich unsereins, und wäre mit der Einstellung besser mal daheimgeblieben, denn die málagueños feiern den carnaval bis einschließlich den Sonntag drauf. In der Altstadt steht an jeder zweiten Ecke eine Gruppe, die mehr oder weniger gekonnt Musik von sich gibt, und eine große Bühne steht bereit, wo dann irgendwelche Höppemützjer zu wummernden Technobeats tanzen. Glücklicherweise tun sie das erst zu einer Zeit, die der Spanier für Abend hält, ich aber für eine Zeit, um heim- und zu Bett zu gehen.

Ich drehe meine Runden, knietief in Konfetti watend, mit dem alle ständig um sich werfen, und als ich wieder an die große Bühne gelange, transvestiert da gerade jemand vor sich hin, ein Herr in Tütü springt mit einer Regenbogenfahne über die Bretter, und ich komme mir vor wie daheim beim CSD.

Vielleicht ist das ja das Geheimnis dieser Stadt: Sie ist eine Art Kleinköln an der Sonne. Ebenfalls ein etwas groß geratenes Kaff, nur am Meer statt am Fluss. Sogar eine unfertige Angeber-Kathedrale gibt es hier, an der man immerhin Jahrhunderte gebaut hat. Wie soll man sich als Kölner da nicht zuhause fühlen? Die unsrige wäre doch auch noch nicht fertig, wenn sich ihrer im 19. Jahrhundert nicht die Preußen angenommen hätten.

So betrachtet, hätte man eigentlich auch zuhause bleiben können.

Costa del Scholz I

Flughafen DUS. Ein großer Stapel Fußballbücher-von-Campino, darüber ein Schild „alle handsigniert“, drinnen tatsächlich Edding-Geschmier, wie man es ihm zutraut: schreibt, wie er singt. Einige Meter weiter Fan-Leiberl diverser Fußballereien, BVB, Bayern und Fortuna Düsseldorf und eben Die Toten Hosen. Keine Kommerzvorwürfe an dieser Stelle, weil achtzehn Euro für ein Shirt nicht übermäßig teuer sind und es sicherlich nicht leicht ist, ein mittelständisches Schaustellerunternehmen zu finanzieren, zumal in der Pandemie. Dann müssen sie sich allerdings auch gefallen lassen, dass ich hier schreibe, dass DTH der FC Bayern der deutschen Rockmusik sind.


Am Ort der Landung dann irgendwie Routine. Gepäck holen, Bahn in die Stadt nehmen und mit einem Sack voller Ruck auf dem Buckel das Gemietete aufsuchen. Irgendwie gewohnt; die anderen Farben, die anderen Straßen, die Berge vor blauem Himmel. Das erste Irritierende ist tatsächlich eine junge Deutsche, die laut in ihr Handy redet.
Kurz vor Sonnenuntergang latsche ich noch schnell zu meinem Strand um das übliche Angeberfoto – seht, ihr war im Meer! – zu machen. Pustesandkuchen – dort sind Bagger zu Werke, der Strand abgesperrt.

Okay, also einkaufen. Auch schön. Zu Abend gibt es Brot und ensalada rusa aus dem nächstbesten supermercado, wobei ich im Laufe des Mahles feststelle, dass der Salat etwa zeitgleich mit Putins Zarenstreich abgelaufen ist. Das kann wohl kaum ein Zufall sein.

Abschließend noch eine Runde durch die Altstadt, wo weniger los ist als im November. Dafür ist die Haupteinkaufsstraße immer noch dekoriert als zeichnete eine Fünfjährige auf Drogen dafür unverantwortlich. Der Spanier, er versteht viel von Lebensart, aber Stadtdeko ist nicht sein Metier.
Dafür Organisation. Beispielsweise, dass zu Stoßzeiten keine Müllfahrzeuge beim Entleeren der Wertstoffcontainer den Verkehr stören. Sie tun dies stattdessen um kurz nach Mitternacht. Zumindest teilweise, denn das Altglas wird erst um sechs Uhr morgens rum in einen Laster geschüttet, was immerhin ein interessanter Anblick vom Schlafzimmerfenster aus ist.
Urlaub auf Balkonien, sozusagen. Ich gehe jetzt erst mal zum Strand. Einem anderen.

Good to be back

Happy Hartung!

Zu den überall im Internet und den sonstigen Medien geäußerten Behauptungen, Scholz habe eine Neujahrsansprache gehalten, teile ich hiermit mit: Das war ich nicht. Vor allem habe ich ganz gewiss nicht zu „Zusammenhalt“ aufgerufen. Der ist mir wesensfremd. Ich hätte auch gar keine Zeit gehabt, steifen Blickes steife Floskeln in eine Kamera zu sprechen, so beschäftigt war ich. Damit, ein sehr schönes Buch zu lesen („Companions – Der letzte Morgen“ von Katie M. Flynn), mich bis in die gegenwärtige Zukunft von Perry Rhodan heranzuarbeiten, und vor allem mit Sonstigem.Ansonsten war 2021 natürlich das schlimmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Das sagen alle. Und das sagten sie auch schon 2020, nach dem ersten Jahr der Pandemie. Und 2019, von 2018 ganz zu schweigen, sagten das, meine ich, auch schon alle. Es wird also zweifellos immer schlimmer. Und zwar exponentiell.Es sei drauf geschissen. Am besten, man entflieht dem allen. Es kann ja wohl kein Zufall sein, dass alle, die das Geld dafür haben, momentan ins All fliegen. Mehr als verständlich. Nur warum die alle wiederkommen, das erschließt sich mir nicht so recht.Deswegen: Mehr Webb wagen!

https://webb.nasa.gov/content/webbLaunch/whereIsWebb.html…

https://www.spektrum.de/…/jwst-sonnenschild-das…/1965424

https://www.youtube.com/watch?v=aICaAEXDJQQ

Scholz-Content im neuen Plastic Bomb

Das neue Plastic Bomb Fanzine war heute im Briefkasten. Scholz-Kolumne auf den Seiten 40/41, und ich danke unserer westlichen Freiheitsbringergemeinschaft, dass die Stellen, in denen es um Afghanistan und den Umgang mit den dortigen Helfershelfern geht, weiterhin zum Tagesgeschehen passen. Glück muss der Mensch haben.

Sonntagmorgen, neun Uhr in Mülheim am Rhein. Mein Plan, im Frühtau die Quere über den örtlichen Fluss zu Fuß zu machen, scheitert an der brutalen Staatsgewalt. Ich könne nicht hier langgehen, jemand habe ein Transparent an die Brücke gehängt, und man sei noch damit beschäftigt, die Schmähschrift zu entfernen. Aber mit der Bahn auf die andere Seite fahren, das könne ich.

Grummelnd verziehe ich mich in Richtung Haltestelle und weiß nicht so recht, wie sehr und ob ich die Hänger verfluchen soll. Kommt ja drauf an, wer es war. Waren es Kapitalismusgegner oder ähnliches Gesocks, so haben sie selbstredend alle meine Sympathien und ich nehme die Unannehmlichkeiten gerne in Kauf, wenn es denn der Revolution dient. Waren es diese rechtsidentitären Spinner oder irgendwelche Aluhüte, so verklage ich sie hiermit auf Entschädigung wegen Verkürzung meiner Lebenszeit, da ich die ungesunde Bahn nehmen musste, statt ein halbes Stündchen Knochen, Muskeln und Schwarte zu bewegen.

Auf der Treppe runter zum Bahnsteig dann alles voller Alufolie, diesmal nicht in Form von Hüten, sondern als Raucherhilfe. Direkt mehrere Menschen in-H-lieren, was das Zeugs hält; hoffen wir mal, dass das Zeugs auch hält, was es bzw. der Dealer verspricht.

Wieder daheim.

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Ich wünschte, ich hätte einen Safe!-Button für Fälle wie den jetzigen, wenn ich tagelang keine Morgenplatte poste, es mir aber dennoch gut geht. So produziert die Situation Unschönes. Besorgte Menschen. Besorgte Nachfragen. Beziehungsweise eigentlich nur das Ausbleiben derselben. Danke für nichts, elendes Parasiten-Pack vor den Bildschirmen!

Der Grund für die Ödnis in der Timeline war der eklatante Mangel an geeigneten Plattensammlungen an dem Ort, wo ich die letzte Woche über hauste. Gut, die gibt es, die sind in Teilen auch gar nicht so übel, aber Smartphone + Bluetooth-Krachmacherding sind dann doch leichter zur Hand und vor allem möchte man sich ja nicht jeden Morgen mit 60ies und/oder Tina Turner beschallen. Für irgendwas müssen die dreißigtausend MP3s auf der Speicherkarte ja gut sein. Allein, die Bebilderung der MP3-Dateien wäre nichts, das meinen Ansprüchen genügte.

Ihr kennt mich: lieber Ödnis, als etwas Halbgares. Deswegen wird ja auch nix aus meinem Leben.

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Wenn zufällig Glotze und Olympische Spiele zur Hand sind, ergibt sich daraus die Verpflichtung, diese nahezu einmalige Kombination zu nutzen, weswegen der Weitgucker läuft und Hintergrundbilder und -geräusche liefert. Da ist es auch egal, dass mich das Gesporte nicht weiter interessiert, denn es gibt ja nichts alberneres als Menschen, die Tag für Tag und Jahr für Jahr darauf hinarbeiten, den „größten Moment im Leben eines Sportlers, das Abspielen der Hymne bei der Siegerehrung“ (so der Kommentator im TV) zu erleben.

Und dann steht da eine Siegerin auf dem Treppchen, die tatsächlich auch noch mitsingt und dabei eine FFP2-Maske trägt. Kann man sich ja nicht ausdenken, sowas. Aber was soll man schon von Menschen erwarten, die Tag für Tag und Jahr für Jahr auf so ein patriotisches Übermenschen-Ereignis hinarbeiten? Die haben einfach zu viel Freizeit.

Lieber Fernseher aus und raus ins pralle Leben. Vorbei an dem Haus, wo damals der Kaugummiautomat hing, der eines Tages durchdrehte. Oder, genauer, sich durchdrehen ließ, so dass wir ihn auf dem Schulweg komplett leeren konnten.

Gut, auch nicht so spannend, und man muss wohl dabei gewesen sein, um dieses Ereignis zu würdigen. Aber auch daheim, irgendwie.

Und ach, eigentlich kann Turners Tina ja auch recht schmissig sein.

Es ist traurig anzusehen, wie die Stoffmasken da liegen. Bunte, farbenfrohe Stofffetzen, wie sie uns bis vor einigen Monaten die Pandemie verschönerten. Bekleidung, mit der sich mehr als nur ein Statement ausdrücken ließ. Und nun habe ich sie, nachdem sie monatelang an Nägeln herumhingen als wären sie Jesus, gewaschen und weiß nicht, warum.

Gut, weiß ich schon: In der Waschmaschine war noch Platz. Aber was nun tun damit? Verdrängt von medizinischem Gerät, haben sie keine Funktion und somit auch keine Existenzberechtigung mehr.

Ich könnte sie wegpacken, oder vielleicht stopfe ich sie in den Altkleidersammelcontainer. Irgendein Drittweltler wird sie schon nutzen können, und sei es bei der Wertstoffsuche auf einer Müllkippe aus Erstweltschrott irgendwo. Ein Gedanke, der mein Herz erwärmt, bei all‘ der Wehmut, die es gerade umweht.

Der Appetit auf Kuchen zur Feier des Tages treibt mich in die Sturzfluten, die vom Himmel fallen. Eine Sintfonie aus Wasser. Dabei ist das wohl noch nicht einmal der Starkregen, der für nachmittags angekündigt ist. Erst bin ich nass, dann nasser, um schlussendlich am nassesten zu sein, als ich nach der Rückkehr erst mal dusche, solange die Kanalisation noch Wasser aufnimmt.

Als draußen gegen 21.30 Uhr zwar noch alles nass ist, aber wenigstens keine Feuchtigkeit mehr von oben nachfällt, noch ein kleiner Spaziergang durchs Veedel und dabei ein Eis essen. Denn auch, wenn die Sonne hinter dunklen Wolken verborgen ist und ihr gerade vermutlich ein anderer Teil unseres Planeten zugedreht ist, so ist doch Sommer, und den gilt es zu genießen. Den lässt man sich nicht vom Wetter verwässern.

Wieder daheim, sind die Vorbereitungen für richtig Sommer dann auch endlich bald beendet. Auf in die Sonne, nächster Halt Los Santos International Airport.