Bahnhof Friedrichstraße, mein Zug fährt ein, ich steig aus, gut wieder da zu sein. In Berlin-Mitte, dem schönsten Ort der Welt. Teure Geschäfte mit teuren Dingen, einem nur leicht ranzigen Rewe mit Rolltreppe, schrecklichen Menschen, hinterm Brandenburger Tor dann links, ab zur Staatsoper Unter den Linden. Hier gibt man heute umsonst und draußen den „Don Carlo“ von Verdi*.

Oder genauer: Man gibt ihn für Geld und drinnen und überträgt ihn auf eine Großbildleinwand nach draußen, wo man an der abgesperrten Straße sitzt, wahlweise auf dem Boden oder mitgebrachten Sitzgelegenheiten wie Tüchern und Klappstühlen, und die Italienermelodien hört. Mehr als drei Stunden lang.

Schon bald stellt sich die Geschichte als geschmackloser Porno raus. Erst ist da so eine Stepmother/Stepson-“Liebes“geschichte im Gespräch, dann singt eine Darstellerin was von Schleiern und Liebe, während eine andere Frau ihre Füße begrapscht – also nichts, was man auf den einschlägigen Internetseiten nicht genau so gut, vor allem kürzer und mit weniger Musik sehen könnte.

Und die Musik ist, man muss es mal so drastisch formulieren: echt nicht schön. Dazu Menschen, die mit ihren Stimmen Dinge tun wie sonst nur Metal-Gitarristen mit ihren Instrumenten. Beides gehört verboten. Ich wünschte, ich wäre in die Operette gegangen.

Halbe Stunde, der erste Akt läuft noch, und es reicht. Ab nach irgendwo an der Spree zum Rumsitzen.

Rumsitzen tut man später auch in der Nähe des Reichstags, wo nach Einbruch der Dunkelheit eine Großbildprojektion auf die Wand geworfen wird, die die bewegte Geschichte des Gebäudes und die es umgebende Geschichte thematisiert. Streckenweise informativ (falls man am Geschichtsunterricht nicht teilgenommen hat), aber größtenteils natürlich Demokratie-Propaganda, aber meinetwegen. Wenn es mir hier nicht passt, kann ich ja nach Kreuzberg fahren.

Zu den Bildern des Mauerfalls ertönt dann „Bis zum Bitteren Ende“ oder ein anderer Song der Toten Hosen. Es ist eher unerträglich, ich wünschte, ich wäre jetzt in irgendeiner prima Diktatur, bis mir einfällt, dass man dort zu noch mehr Pathos neigt.

Später im S-Bahn-Zug nach Pankow mischen sich dann Freunde der Klappstuhl-Oper und Menschen, die an diesem Tage den Tiergarten beravt haben. Irgendsoein Loveparade- / Technogedöns, angeblich war Doktor Motte auch da. Da kocht die Tanzfläche, da traf sich die Scene. So was gibt es nur in Berlin.

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* Den Don Carlo vom Komponisten Verdi, nicht den von der gleichnamigen Gewerkschaft.

Das Alter. Man tut eigentlich nichts mehr, außer auf die letzte große Reise zu warten. Und wenn da eh‘ noch eine ansteht, zudem eine ziemlich ewige, kann man sich die ganze Reiserei bis dahin auch sparen. Einfach mal in heimischen Gefilden bleiben, in der erweiterten Nachbarschaft. Das kostet wenig Geld und erspart einem einen Berg von Klimaschuld.

Statt zu reisen kann man, bevor man sinnbildlich „über die Wupper“ geht, auch wortwörtlich über die Wupper gehen, wie unsereins es neulich tat. Von der Müngstener Brücke aus zur Seilbahn, die einen zu Schloss Burg hoch und wieder runtertrug. Es muss nicht immer Amerika sein. Zumal man sich die Wanderbegleitung von dort eingeflogen hatte. Ein wunderbares Abenteuer, aus dem man mit der Gewissheit hinausging, eine Schwebefähre fahren zu können. Wer weiß, wann man diese Fertigkeit noch mal braucht, wenn hier alles zusammenbricht.

Einen Tag später feierte Mick Jagger seinen Jubeltag. Ich war an diesem Datum zum 80. Geburtstag eingeladen. Die Feier fand in Hilden (Kreis Mettmann) statt, und hatte alles, was man von einem solchen Ereignis erwartete: exotisches Essen (Chinesisch) und Roboter-Kellner. Die Jubilarin war allerdings nicht Mick Jagger, sondern eine Verwandte, und nachdem ich morgens in der Zeitung gelesen hatte, dass Herr Jagger irgendwo im 99. Stock wohnt, hätte ich auch gar keine Lust gehabt, bei seiner Feier dabei zu sein. Wobei dieses Detail natürlich erklärt, warum Mick in dem Alter noch so fit ist; wer täglich seine Einkäufe bis in den 99. Stock schleppt, ist offensichtlich bei guter Gesundheit. Zumindest körperlich.

Dasselbe gilt für Menschen, die nächstes Jahr auch schon fünfzig werden, wohl auch. So viel rumgesprungen wie beim Konzert von The Drowns im Sonic Ballroom Mitte des Monats bin ich schon lange nicht mehr. War aber auch zu schön. Eine Band, die nicht allzu schnellen Punkrock spielte, der zusätzlich zum Rumhüpfen auch noch zum ein wenig vor sich hin shaken, rattlen und rollen anregte. Musik von Menschen, die sich nicht zu schade sind, „Ballroom Blitz“ in mehr oder weniger Originalversion nachzuspielen. Und die auch mal einen Song unterbrechen, weil die Meute dem Sänger die Brille von der Nase schlägt. Versehentlich.

Vorband TV Cult, auch sehr schön, aber ganz andere Baustelle, die man sich am besten anhört. Servicelink in den Kommentaren.

Nun erst mal entspannen, ebenfalls quasi vor der Haustür, in Porz. Eine ehemalige Stadt, die so viel zu geben hat. Beispielsweise die S-Bahn-Linie 12, die einen nächsten Samstag nach Ehrenfeld zum BallroomBlitz! Festival #11 fahren kann. Man sieht sich dort.

Nach den Weltladen-Fachtagen, sozusagen dem Ruhrpott Rodeo der Weltladen-Szene (alle Szenegrößen performen aufs Heftigste, und es sind eigentlich immer dieselben), die wie immer in Bad Hersfeld stattfinden, bespaßt man den Papierproduzenten, den man anlässlich dieser Fachmesse eingeflogen hat. Mittlerweile ist man in Köln, und als Erstweltler zeigt man es dem armen Wicht mal so richtig: Wie schön man es hier hat. Wie geil hier alles ist. Und sauber. Wie sehr Kathmandu nicht mit Köln mithalten kann. Erstwelt = erstklassig.

Teilweise klappt das auch. Der Dom entlockt dem Gast ein beeindrucktes „Oh, it’s big!“. Die Currywurst schmeckt. Das Hotelzimmer, das man ihm gebucht hat, ist schön und vor allem tatsächlich vorhanden. Da kann man offensichtlich auch nie sicher sein in diesem Lande; auf der Messe waren einige Besucher, die über ein großes Booking-Internetportal Zimmer in dem nagelneuen Haus einer großen Hotelkette gebucht hatten, aber dann von den Handwerkern, die mit dem Hotel noch nicht fertig waren, nicht reingelassen wurden. Und sehen konnten, wo sie blieben.

Was eine gute Rückleitung zur Kölner City am Sonntagnachmittag ist, wo man durch die Hohe Straße schlendert, an Obdachlosen entlang, die vor leer gähnenden Schaufenstern dahinvegetieren. Ein Hauch von Skid Row umweht uns.

Später in Ehrenfeld bewundert man die Müllhaufen, mit denen das Wochenend-Partyvolk seinen Festzug markiert hat, schaut sich im Sonic Ballroom einen Menschen an, der mit Gitarre und Mikrofon vor einer Tischtennis spielenden Meute performt, und landet schließlich im nepalischen Restaurant am WDR-Funkhaus, wo sowohl Gast als auch Wirtspaar offensichtlich erfreut sind, endlich mal wieder in einer vernünftigen Sprache sprechen zu können.

Zum Abschluss des Tages geleitet man den Gast zurück zum Hotel, mit einem kurzen Zwischenstopp in einem Kiosk, wo die Scanner-Kasse nicht funktioniert und die Bedienung telefonieren muss, um die Preise herauszufinden. Das habe ich in Kathmandu so auch noch nicht erlebt.

Nun gut. Heute dann zweiter Tag Bespaßung. Geplant sind ein Zug durch die Innenstadt, Betrachtung des Doms von innen und dann mal sehen. Bei den großen Augen, die gestern angesichts meiner Plattensammlung gemacht wurden, wird es wohl ein eher gemütlicher Nachmittag mit abschließendem Konzert im Limes hier ums Eck.

Vielleicht kriegt man den Gast ja doch noch beeindruckt. Man hat ja einen Ruf zu verlieren.

Heute ist also Montag. Es ist ein gutes Zeichen, solche unwesentlichen Details nachschlagen zu müssen. Wesentlicher ist da schon, dass sich alles im Monitor meiner kleinen *Reiseschreibmaschine mit Extras* spiegelt, er regelrecht gleißt und blendet. Vermutlich wäre es sinnvoll, sich aus der Sonne raus zu setzen, aber diese Option steht selbstredend nicht zur Debatte.

Ich befinde mich auf einer „jugoslawischen Insel mit drei Buchstaben“, wie es früher im Kreuzworträtsel hieß, wenn der dringende Wunsch nach Konsonanten ertönte. Vermutlich ist diese Insel – Krk – nach dem Geräusch benannt, welches ertönte, als sie bei ihrer Entstehung aus dem Festland brach. Wobei eigentlich das gesamte Land hier wirkt, als wäre es Gott bei der Schöpfung entglitten und aus großer Höhe auf den Boden gekracht. Und statt vernünftig sauber zu machen, hat Er einfach feucht drübergewischt, dabei aber lediglich Wasser zwischen all‘ den Bruchstücken verteilt.

Beim Rücken- und beim Brustschwimmen kann man – je nachdem, ich welche Richtung man schwimmt – auf Rijeka gucken, das man als halbe Kulturhauptstadt Europas 2020 kennt und vom Brettspiel „Europareise“. Was natürlich nur einer der Gründe ist, weshalb man ins Wasser geht. Andere sind der Spaß und die Freude, mit denen einen die Schwimmerei umspült, und die Heldenverehrung, die sie einem einbringt, da es Menschen gibt, die das Wasser für „kalt“ (Zitat) halten. Was natürlich Quatsch ist. Denn: Solange man auf dem Wasser nicht laufen kann (es sei denn, man ist Jesus), ist es auch nicht zu kalt.

Für heute Nacht ist Sturm angesagt. Mal schauen, wie das Zelt den aufnimmt. Wahrt diese Worte, es könnten meine letzten sein.

Kurz mal zwischendurch

Über Deutschland soll man ja nicht immer nur meckern. Etwas, was einem schwerfällt, weil man ja Deutscher ist und einem deswegen das Jammern, Meckern, Rumnölen im deutschen Blute liegt. Und wenn man aus – sagen wir mal: – Spanien zurückkommt, fällt es einem noch schwerer.

Es ist ja nicht nur das Wetter. Oder die Tatsache, dass man in einen Bröckelstaat zurückkehrt, in dem die Autobahnbrücken marode sind, das mobile Internet schlechter funktioniert als in der Dritten Welt und „pünktlich wie die Eisenbahn“ so viel bedeutet wie in Spanien „mañana mañana mañana“.

Es ist vor allem dieses Gefühl, im hiesigen Supermarkt zu stehen und dessen Angebot zu sehen.

Bezahlbaren Käse jenseits von den Goudas und Bries dieser Welt sucht man vergebens. Nach Gazpacho braucht man gar nicht erst auszuschauen. Und vernünftiges Brot gibt es in Deutschland nirgends.

Aber wie gesagt: Immer nur meckern ist nicht. Lieber selber machen. Weswegen unsereins jetzt unter die Teigkneter und Gemüsepürierer gegangen ist.

Das funktioniert tatsächlich und so steht einem *richtigen* Frühstück, also einem, bei dem man Gazpacho wahlweise löffelt oder trinkt und man Weißbrot in Olivenöl taucht, nichts mehr im Wege. Denn das Angebot an Olivenöl ist im örtlichen Rewe tatsächlich besser als in den meisten spanischen Supermärkten.

Klingt vielleicht langweilig, aber wenn man bedenkt, wie ausführlich sich John Lennon im letzten Interview vor seiner Ermordung zum Thema Brotbacken geäußert hat, steckt in dem Thema doch eine Menge Thrill.

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Er: „Komm unbedingt zum Konzert unserer MISFITS-Covberband, wird super. Es sei denn natürlich, Du hasst die Misfits und findest Horrorpunk total albern.“

Ich: freue mich, dass ich ihm nicht noch erklären muss, warum ich keinesfalls zu dem Mummenschanz zu erscheinen gedenke. Da wären nur hässliche Worte gefallen, und man will ja keine Gefühle verletzen.

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Vor den Toren des örtlichen Rewemarktes brüllt ein Herr rum: „Ich bin Hitler!“

Gut zu wissen, was der Adolf heute so macht: vorm Supermarkt sitzen, betteln und stinken. Schön, dass aus dem doch noch was geworden ist. Warum nicht gleich so?

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Der kaputte Fuß, den ich mir aus Spanien mitgebracht habe, ist nach mittlerweile sechs Wochen deutlich besser. Das Rumspringen bei Illegale Farben im Limes in Mülheim am Rhein am Freitag klappte jedenfalls gut. Einerseits schön, andererseits natürlich schade, dass der Schmerz langsam nachlässt, erinnerte er mich doch an den Urlaub im Süden. Aber insgesamt gut: endlich wirklich zuhause angekommen. Zeit, wieder wohin zu fahren.

Málaga. Dreizehn Grad. Als ich morgens das Hotel verlasse. Ja, so schön, wie sich alle das vorstellen, ist es hier um diese Jahreszeit noch nicht. – Morgens ist ein Pullover vonnöten. Vielleicht, weil hier die Sonne eine Stunde später aufgeht. Ich begebe mich zum Flughafen, heim nach Köln. Für das Privileg, wieder Jacke tragen zu können.

Der Flieger verspätet sich, aber beim Warten tauscht man sich darüber aus, dass alle, wirklich alle, die nach Köln fliegen, heute früh schon ein Schneefoto per WhatsApp bekommen haben. Das sind die Momente, in denen man ins Grübeln gerät. Nicht, dass man nicht genug Schnee gesehen hätte in Spanien — aus sicherer Entfernung, wenn man vom Strand aus Richtung Sierra Nevada schaute. Was man eigentlich so tut, hier, beim Warten auf den Flug in die falsche Richtung. Zumal es für mich auch keinen zwingenden Grund gibt, schon zurückzufliegen. Gut, ab morgen wird mir erst mal ein Gerüst vors Fenster gebaut („Balkonsanierung“) und bleibt dort erst mal zwei Wochen stehen, aber das ist eigentlich auch nicht so spektakulär, dass man es wirklich gesehen haben müsste.

Einige Stunden später in Mülheim am Rhein. Vor einer Dreiviertelstunde angekommen, habe ich bereits ausgepackt, Kaffee getrunken, die Waschmaschine angeworfen (Eine Tat, die von der Nachbarin, die ebenfalls im Wäschekeller herumlungert, als „vorbildlich“ bezeichnet wird.), war einkaufen und heize vor allem. Was bei Facebook geschrieben habe ich hiermit auch.

Was nun? In meiner Abwesenheit ist die Spendenquittung von Ärzte Ohne Grenzen angekommen. Also vielleicht erst mal die Steuererklärung erledigen. Man will ja spüren, dass man wieder zuhause ist. Sonst noch was los die Tage?

Zurück aus dem Urlaub. Zumindest gedanklich. Für die Rückreise nach Deutschland fehlen mir derzeit Lust, Antrieb und Kraft. Und bessere Wetterberichte. Dann doch lieber in Shirt und Shorts im *mobile office* sitzen und das ganzhe brutale Programm abspulen: Handy nicht mehr auf stumm, E-Mails beantworten und an Excel vorbei aufs Meer schauen.

Und ab und zu auf den paseo maritimo, z.B. um krebsrote Engländer zu bekopfschütteln. Oder den Schwarzafrikanern dabei zuzuschauen, wie sie ihr aus Markenturnschuhen, Sportverein-Shirts und mindestens ebenso echten Luxushandtaschen bestehendes Warenangebot ausbreiten. Alles auf Bettlaken, die man mittels Schnüren, die an allen vier Ecken der Betttücher befestigt sind, blitzschnell wieder abbauen kann, um fix weg zu sein, wenn die Schmier* (der Stern steht hier für eine Fußnote; Weiteres siehe dort) kommt. Oder den Menschen, die sich nur zehweise ins Wasser trauen, weil es ihnen zu kalt ist. Als wären aktuell 14,5 Grad nicht ausreichend für eine wohltuende Plantscherei.

Es fühlt sich erstaunlich normal an, das Meer, das Wetter, das alles. Ich glaube, der Mensch gewöhnt sich an alles.

Jetzt erst mal Feierabend, Nudeln mit Tomatensauce kochen. Warum ich wirklich jedes Mal, wenn ich dieses Gericht koche, weiß trage, werde ich vermutlich nie verstehen. Vermutlich irgendsoein Punkerdingens, Selbstsabotage und so. Auch so was, wovon unsereins nicht mehr runterkommt. Ich glaube, der Mensch gewöhnt sich an alles.

Irgendetwas fehlt. Vermutlich der dritte Punkt, an den der Mensch sich gewöhnt. Den habe ich aber nicht, sondern nur zwei. Was diesem dahingeschmierten** Text eine Unwucht und Unrundigkeit verleiht, die stört. Ich glaube, der Mensch gewöhnt sich doch nicht an alles.

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* Schmier: Kölsches Wort für Polizei

** „hinschmieren“ hat übrigens nichts mit dem kölschen Wort für Polizei (siehe * ) zu tun.

Die Überquerung des Rio Guadiana dauert, je nachdem, von welcher Seite man kommt, nur kurz oder aber sehr lange. Das liegt nicht an seiner Breite, sondern daran, dass er einen Teil der Grenze zwischen Portugal und Spanien bildet, und damit auch die Grenze zwischen zwei Zeitzonen. Da es in Portugal stets eine Stunde später als im Nachbarland ist, dauert die Fahrt über die Brücke mehr als eine Stunde, wenn man nach Spanien fährt. Und umgekehrt, also auf dem Weg nach Portugal, reist man sogar in der Zeit zurück.

So gesehen ist der Río Guadiana (so die spanische Schreibweise), je nachdem, einer der schmalsten oder breitesten Flüsse der Welt. Denn Raum und Zeit hängen nun mal zusammen, wer das nicht glaubt, schlage bei Einstein nach.

Unsereins war nach Spanien unterwegs und verlor eine ganze Stunde seines Lebens, die er sich einige Zeit zuvor mühsam per Flug nach Lissabon erarbeitet hatte. Die gibt einem auch keiner wieder. Genau so wenig wie die vielen Stunden, die man per pedes durch Sevilla latschen musste. Wie üblich.

Eine Stadt, die zu viele Menschen mit Erektionsproblemen gesehen hat. Die Gebäude errichten mussten, eines prächtiger als das andere, wenn es schon zu etwas anderem nicht reichte. Eine Stadt mit Gässchen, häufig so gerade wie eine verknotete Schnur, mit einigen meiner Lieblingsbäume auf dem Plaza del Museo, und mit Restauration an wirklich jeder Ecke.

Um jede der wirklich vielen Kirchen schart sich das, was man mangels eines besseren Wortes (denn man ist ja Kölner und kann nur wenig Spanisch) als Veedel bezeichnen könnte.

Und überall wuselt es. Nicht so wie in Kathmandu und Dhaka (um hier mal weltmännisch die beiden asiatischen Städte, in denen ich mal war, anzuführen), aber auch sehr. Die Straßenrestauration ist stets voll und sieht so aus, als würden hier im Süden mehr und dickere Winterjacken abgesetzt als oben in Deutschland. Aber anders lässt sich bei vierzehn Grad und einem leichten, aber fiesen, geradezu hinterlistigen Wind wohl nicht dinieren. Zumindest nicht im Freien und mit Genuss.

Apropos Genuss: Den heutigen Tag beginnt man am besten mit The Clash. Das wollte ich nur mitteilen, deswegen schreibe ich das hier.

Also bitte:

Ich bin einfachen Gemüts, wie den meisten hier Lesenden bereits aufgefallen sein dürfte. Man reiche mir einen Felsen und ein Meer, und ich kann stundenlang dort sitzen und glücklich sein.

Momentan gehe ich dieser Lieblingsbeschäftigung in Peniche, knapp anderthalb Busstunden nördlich von Lissabon, auf einer Halbinsel im Atlantik gelegen, nach. Hier siedelte man bereits zu Zeiten der Neandertaler, was den Eingangssatz vielleicht noch verstärkt.

Es ist ein unaufgeregtes, aber kein wirklich schönes Städtchen. Zwar hat es eine alte Mauer samt Fort, aus Zeiten, als Portugal noch eine Weltmacht war, doch ist dieses Bollwerk, nunja, nur eine Mauer. Vielleicht würde ich Mauern mehr schätzen, wenn ich Chinese wäre, aber als Deutscher kann ich diese Bauten natürlich nur ablehnen. Dann gibt es da noch olle Sakralbauten, die eher unter Gotteslästerung firmieren, aber dafür wirklich alle Supermärkte, die es so braucht. Dazu liegt, je nach Windrichtung, der Geruch von Meer oder Sardinen über dem Ort; Peniche produziert die zweitmeisten Dosensardinen des Landes.

Aber die Lage! Was man hier wirklich gut machen kann, ist, um die Halbinsel laufen. Klippen, wohin man nur blickt. Und wenn man den Blick hebt, Meer, wohin man nur blickt. Und fiese Stolpersteine, weswegen man ihn besser wieder senkt, damit man nach einigen Dutzend Meter Fall auf einmal gar nichts mehr blickt.

Dann gibt es viele Schilder, die auf Historisches hinweisen, mit denen sich jemand viel Mühe gegeben hat, die dem Ort aber natürlich ein wenig das Geheimnisvolle nehmen, weil sie quasi alles erklären.

Die einzige Frage, die sie offen lassen, ist eigentlich, wem das Auto mit dem Duisburger Kennzeichen und dem DJÄZZ-Aufkleber gehört, das gestern hier am Wegesrand stand.

Vielleicht ja jemandem, der gerade auf einer Klippe sitzt und glücklich ist.

Sitze im Bus Richtung Norden, Richtung Meer. Noch geht es durch die Ausläufer Lissabons, allerdings wird sich das bald ändern; es sind keine anderthalb Stunden bis zum Ziel.

Was soll man über Lisboa groß schreiben, wenn man vorher in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka war? Nicht, dass Lissabon nicht in allen Belangen, schöner und angenehmer wäre, so aus meiner langweiligen westeuropäischen Sicht. Aber besonders originell ist es auch nicht, eine Woche hier verbracht zu haben. Zumindest nicht so originell, wie in Dhaka gewesen zu sein.

Im Mini-Mercado an der Ecke (bildlich gesprochen; in Wahrheit befindet sich der Laden ungefähr in der Mitte einer Häuserzeile) gibt es das übliche Gespräch über Zahlen. Nachdem wir den Zahlbetrag auf Portugiesisch durchgegangen sind und ihn zur Sicherheit nochmal auf Englisch verifiziert haben, fragt mich der Mensch an der Kasse, woher ich käme. Worauf wir uns die nächsten Minuten über die dumme deutsche Eigenart, die letzte Ziffer mehrstelliger Zahlen vor die vorletzte zu ziehen („vier Euro neun und zwanzig“), aufregen. Und das zu Recht.

Er selbst komme aus Bangladesch, sagt er dann. Ob ich Bangladesch kenne?

Mein großer Auftritt.

Ja, da sei ich vor etwa zwei Wochen noch gewesen. Schönes Land, auch wenn ich nur den Norden gesehen hätte, aber die Hauptstadt, er möge mir verzeihen, habe mir eher nicht so gut gefallen, sehr noisy dort und so, da zöge ich Lisboa doch vor, deshalb ja der Urlaub hier.

Er kann meine Meinung nur etwa halbwegs nachvollziehen; Dhaka sei doch schon viel, viel besser geworden in den letzten Jahren (Worauf ich mir nur, man verzeihe diese Phrase, denke: OMG!). Aber doch, alles in allem sei Lissabon ja doch auch schön. Und dann dankt er mir noch ausführlich dafür, dass ich Business mit seinem Land treibe. Aus irgendwelchen Gründen sind die Bangladeschis diesbezüglich immer sehr dankerfüllt. Da weiß man doch, wofür man Krempel um die halbe Welt transportiert: um dafür angebetet zu werden.

Lisboa sonst so: wie vor der Pandemie. Man kann den ganzen Tag einfach nur Spazieren gehen, hügelauf und hügelab, und langweilt sich nicht. Überall Bauten, mal prächtig, mal weniger prächtig, mal mehr, mal weniger verfallen, an jeder zweiten Straßenecke könnte man jauchzen vor Glück. Es ist überhaupt nicht nötig, für eine der teuren Sehenswürdigkeiten Eintritt zu bezahlen, vom Castelo de São Jorge mal abgesehen. Die Portugiesen sind freundlich und erfreut, wenn man sich für ihre Sprache interessiert. Oder zumindest so tut. So viel anders als in Dhaka ist Lisboa eigentlich gar nicht. Nur sauberer, ruhiger, entspannter, ungefährlicher und in allen Belangen angenehmer.

Und wenn sich jemand fragt, warum ich hier ständig statt „Lissabon“ „Lisboa“ schreibe: Damit hier auch jeder versteht, warum ich das Wassertaxi mit der Aufschrift „Lisboat“ so toll fand.